PRESSEMITTEILUNG

Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe K.d.ö.R. entscheidet sich für eine eigenständige Zukunft
Karlsruhe, 13. Oktober 2026.
 
Die Vollversammlung der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe hat am 11. Oktober 2026 mit qualifizierter Mehrheit eine Neufassung ihrer Satzung beschlossen. Die Gemeinde beendet damit ihre bisherige organisatorische Zugehörigkeit zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG Baden) und nimmt die Verantwortung für ihre Angelegenheiten künftig vollständig selbst wahr – als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts.
 
Diese Entscheidung war aufgrund der jahrzehntelangen strukturellen Benachteiligung der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe unumgänglich. Sie ist das Ergebnis jahrelanger vergeblicher Bemühungen um eine gleichberechtigte, transparente und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der IRG Baden. Tiefgreifende strukturelle Probleme und ein über viele Jahre gewachsener, inzwischen irreparabler Vertrauensverlust haben eine Fortsetzung der bisherigen organisatorischen Zusammenarbeit unmöglich gemacht.
 
Eigenständigkeit auf historischer Grundlage
Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe ist eine eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts mit einer langen eigenen Geschichte. Sie war selbst an der Entstehung der heutigen IRG Baden beteiligt.
 
Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe verfügte bereits vor Beginn der organisatorischen Zusammenarbeit mit der IRG Baden über eine eigene Rechtspersönlichkeit als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Diese Eigenständigkeit prägte ihre Stellung während der gesamten Zusammenarbeit und bildet auch künftig die Grundlage ihres Handelns.
 
Mit der Neufassung ihrer Satzung bekräftigt die Gemeinde ihre historisch gewachsene Eigenständigkeit und ihren Anspruch, ihre religiösen, kulturellen, sozialen und organisatorischen Angelegenheiten in eigener Verantwortung zu gestalten.
 
Interessenkonflikte und zweifelhafte Legitimität
Aufgrund der innerhalb der IRG Baden bestehenden, zahlreichen familiäre, persönlichen und institutionellen Verflechtungen, bestehen aus Sicht der Gemeinde erhebliche Interessenkonflikte und stellen gleichermaßen die Transparenz und Unabhängigkeit wesentlicher Entscheidungen infrage.
 
Auch ergeben sich daraus gravierende Zweifel hinsichtlich der ordnungsgemäßen Zusammensetzung des gegenwärtigen Oberrats. Es bestehen bei 12 der insgesamt 21 Delegierten erhebliche Zweifel hinsichtlich ihrer Wählbarkeit beziehungsweise der rechtmäßigen Ausübung ihres Mandats. Aus Sicht der Gemeinde ist die Legitimität der gegenwärtigen Zusammensetzung des Oberrats damit grundlegend infrage zu stellen.
 
Jahrzehntelange finanzielle Benachteiligung
Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe sieht sich seit Jahrzehnten einer strukturellen und finanziellen Benachteiligung ausgesetzt. Die ihr zugewiesenen Mittel stehen in einem erheblichen Missverhältnis zu ihrer Mitgliederzahl, dem Umfang ihrer religiösen, kulturellen und sozialen Arbeit sowie den besonderen Anforderungen ihrer Sicherheitslage. Transparente, objektive und nachvollziehbare Kriterien für die Mittelverteilung sind für die Gemeinde bis heute nicht erkennbar.
 
Besonders deutlich wird diese Schieflage bei der Finanzierung von Bauvorhaben: Während Karlsruhe dringend benötigte Gemeinde-, Jugend- und Betreuungseinrichtungen weitgehend aus eigener Kraft finanzieren muss, werden gemeinschaftliche Mittel für einen Synagogenneubau in Pforzheim eingesetzt, obwohl dort bereits eine Synagoge und Gemeinderäume vorhanden sind. Begründet wurde dies nach Kenntnis der Gemeinde unter anderem mit dem Wunsch nach einer repräsentativeren Synagoge. Diese Prioritätensetzung zulasten Karlsruhes ist für die Gemeinde nicht länger hinnehmbar.
 
Diese Entwicklungen haben das Vertrauen der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe in eine transparente, gerechte und unabhängige Entscheidungsfindung innerhalb der bisherigen Organisationsstrukturen nachhaltig zerstört.
 
Forderung nach vollständiger Aufklärung und Neuordnung der IRG
Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe fordert eine umfassende, unabhängige und schonungslose Aufarbeitung der Tätigkeit der IRG Baden in den vergangenen Jahrzehnten. Sämtliche familiären und persönlichen Verflechtungen, Interessenkonflikte, Personalentscheidungen, finanziellen Vorgänge und intransparenten Entscheidungsprozesse müssen offengelegt und unabhängig überprüft werden.
 
Eine Aufarbeitung durch die bisherigen Verantwortlichen ist nicht glaubwürdig. Erforderlichenfalls fordert die Gemeinde die zuständigen Stellen auf, die Einsetzung einer unabhängigen kommissarischen Verwaltung der IRG Baden rechtlich zu prüfen.
Kosmetische Veränderungen reichen nicht aus. Erst nach vollständiger Aufklärung und einer grundlegenden Erneuerung der Verbandsstrukturen kommt eine Zusammenarbeit mit einem transparenten, demokratisch legitimierten und unabhängigen Landesverband wieder in Betracht. Eine Rückkehr zu den bisherigen Verhältnissen ist ausgeschlossen. Die Eigenständigkeit der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe steht nicht zur Disposition.
 
Klare Haltung, offene Tür
Der Vorstand stellt klar: Diese Entscheidung schafft die Voraussetzungen dafür, dass die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe ihre Aufgaben dauerhaft, verlässlich und selbstbestimmt erfüllen kann. Die Gemeinde bleibt zu einer sachlichen und rechtlich geordneten Klärung offener Fragen mit der IRG Baden bereit. Voraussetzung dafür sind gegenseitiger Respekt, die Anerkennung der eigenständigen Verantwortung der Gemeinde und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe – nicht die Fortsetzung des bisherigen Status quo. Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe blickt mit Zuversicht und Entschlossenheit in die Zukunft: als starke, offene und lebendige jüdische Gemeinschaft, die ihre Traditionen bewahrt, Verantwortung für ihre Mitglieder übernimmt und das religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Leben in Karlsruhe aktiv mitgestaltet.
 
Eine lebendige Gemeinde mit Verantwortung für die Zukunft
Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe ist ein lebendiger Mittelpunkt jüdischen Lebens in Karlsruhe und der Region. Sie gestaltet Gottesdienste, religiöse Bildung, Kinder- und Jugendarbeit, kulturelle Veranstaltungen, soziale Betreuung und den Dialog mit der gesamten Stadtgesellschaft.
Sie bewahrt jüdische Traditionen und ermöglicht zugleich ein offenes, vielfältiges und zukunftsorientiertes Gemeindeleben. Dazu gehören die Förderung jüdischer Identität, die Unterstützung älterer Menschen, die Stärkung der jungen Generation und die Schaffung zeitgemäßer Räume für Begegnung, Bildung und Gemeinschaft.
 
Fest verbunden mit dem jüdischen Leben in Baden, Deutschland.
Die Beendigung der bisherigen organisatorischen Zugehörigkeit zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden bedeutet keine Abkehr von der jüdischen Gemeinschaft in Baden.
 
Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe bleibt ein integraler und untrennbarer Bestandteil des jüdischen Lebens in Baden und in ganz Deutschland. Zugleich fühlt sie sich der jüdischen Gemeinschaft in Israel und weltweit eng verbunden.
 
Die Verbundenheit mit anderen jüdischen Gemeinden, die gemeinsamen jüdischen Werte und Traditionen, Solidarität, gegenseitige Verantwortung sowie die Weitergabe des deutsch-jüdischen Kulturerbes an kommende Generationen bleiben unverändert zentrale Grundlagen ihres Selbstverständnisses.
 
Ebenso bleibt sie der Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften und ihren Vertretern, insbesondere im Rat der Religionen, sowie mit gesellschaftlichen Institutionen und Partnern verpflichtet. Der interreligiöse Dialog, gegenseitiger Respekt und ein vertrauensvolles Miteinander mit Menschen aller Glaubensrichtungen und allen Menschen guten Willens bleiben unverzichtbare Bestandteile ihres Selbstverständnisses.
 
Der entschiedene Einsatz gegen Antisemitismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit bleibt dabei eine zentrale Aufgabe der Gemeinde.
 
Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe
Körperschaft des öffentlichen Rechts
Der Vorstand